Mein Mensch und ich
28.03.2010Übermittelt von User: Motschekiebchen
Vor einem halben Jahr war ich noch fest an Mutters starken Ast verankert. Wir standen zwischen der alten, gut riechenden Kommode und dem Durchgang zum Balkon. Mich faszinierte das Treiben dort. Ich war noch zu winzig, um mühelos mein Köpfchen um die Ecke schieben zu können und streckte täglich all meine Glieder aus, um auf dieses sonnige Plätzen schielen zu können. Der Mensch hatte dort ein kleines Vogelhäuschen platziert. Der Treffpunkt der Spatzen, um Pläne und Verabredungen auszuhandeln. Mutter mahnte mich, ich solle aufhören zu ziehen und mein Hälschen ins unermessliche zu recken. Ich ignorierte Mutter.
Eines Tages trieb ich es zu bunt. Der Mensch hatte es sich mit noch mehreren seiner Art auf dem Balkon gemütlich gemacht. Sie lachten und krachten und es roch merkwürdig angenehm nach saftigen Etwas. Ich wollte sehen und verstehen und aufnehmen. Von dem geschäftigen Tun, der Freude und dem Krach. Ich sah nicht alles und streckte mich, reckte mich, zog am starken Ast meiner Mutter. Anfangs flehte sie noch, ich solle doch aufhören. Später drohte sie, sie lasse mich gehen. Gehen? Wohin? Auf den Balkon der Menschen? Wie? Mich erregte die Vorstellung nah am Mensch sein zu können. Ich zerrte, ich quengelte, ich… Ich fiel… in die unendliche Tiefe. Mutter hatte ihre Drohung in die Tat umgesetzt. Sie lies mich gehen. Nicht mehr oben am starken Ast. Nun weit unten, im Erddreck des Blumentopfes. Ich sah an diesem Abend besser und genauer. Sah den Mensch und die anderen seiner Art in ihrer vollen Größe und den Balkon in seiner ganzen Schönheit. Mensch um Mensch ging. Der Eine löschte das Licht und Ruhe kehrte ein. In dieser Nacht weinte ich still und leise, vor meiner Mutter liegend, vor Glück und Traurigkeit. Ich wurde schwach.
Ich weiß nicht, wie lange ich schutzlos auf der Blumentopferde lag und meine noch möglichen verbleibenden Tage zählte. Eines Morgens, ich glaube an einem Sonntag, weil sonntags sich der Mensch immer besonders viel Zeit für Mutter und mich nahm, griff er mich auf, betrachtete mich zwischen seine Finger geklemmt und sah mich fragend an. So nah war ich dem Mensch noch nie gekommen. Wie sanft sich die Berührung der Finger anfühlte. Ich verliebte mich in sie, die zarten langen Gliedmaßen. Ich sah tief in die blauen Augen des Menschen und erkannte dort nur Unverständnis. Ich begann meine Geschichte zu erzählen und während ich erzählte und mich erklärte, bohrte der Mensch mit seinem Finger ein Loch in die Dreckerde, genau vor meiner Mutter. Prüfte, befand die Arbeit für gut und steckte mich ins Loch! Benommen betrachtete ich meinen neuen Standort. Ein Blick nach vorn gerichtet und der Balkon gab mir sein wunderbarstes Geheimnisse preis. Im Nacken der fühlbare Blick meiner Mutter. Mutter lies mich deutlich spüren, dass mein Alleingang nicht zu entschuldigen war. Sie sprach nicht mit mir und gab mir nichts von ihren köstlichen Zaubertrank ab. Der Streit und die spürbare Ablehnung meiner Mutter zerrten an meinen Kräften. Der Mensch unterbrach sein geschäftiges Treiben immer öfter und schenkte mir einen mitleidigen Blick. Die Finger berührten prüfend meine Blätter und ich erschauderte unter diesem samtig weichen Griff. Ich liebte die Berührungen, ich liebte meinen neuen Aussichtspunkt, doch ich spürte, dass dieses Glück nur von kurzer Dauer sei. Der Tannenbaum kam, der Tannenbaum ging. Der Schnee kam, der Schnee ging. Der Mensch kam, der Mensch nahm mich mit.
Mein Mensch plapperte unverständliche Dinge auf dem Weg in einen anderen Raum. Forschung, Ton-Granulat, Substrat, Vitalnahrung, natürlich, bedarfsgerecht, Gesundheit…
Panik stieg in mir auf, ich mobilisierte als meine Kraftreserven. Ich musste verstehen, was hier vor sich ging. Ich wurde auf einer Zwischenhöhe platziert und lag. Mein Mensch tat beschäftigt und plapperte und plapperte. Ich verstand nicht und zwang mich zur Ruhe. Von ganz weit her kroch mir ein bekannter, aber doch fremder Duft ins Pflanzennäschen. Holz, nicht alt, aber dennoch Holz. Ich sah mich vorsichtig um und erkannte meinen Untergrund. Ein Tisch. Warum? Und wieder beschleunigte sich mein Puls. Ich zwang mich wiederum zur Ruhe, beobachtete das geschäftige Treiben um mich herum, sah, aber verstand nicht. Mein Mensch füllte braune Pünktchen in ein wunderschönes durchsichtiges Horn. Nahm Punkte heraus, fügte Punkte wieder hinzu, begutachtete das Horn von allen Seiten und kratzte sich am Kopf. „Ist das jetzt richtig?“, hörte ich meinen Menschen Fragen. Ich sah förmlich die Fragezeichen aus seinem Kopf herausschießen. Ja was soll denn richtig sein, fragte ich mich. Feierlich klatschen die geliebten Gliedmaßen zusammen und trommelten einen mitreißenden Rhythmus, der Freude und Zuversicht in sich trug.
Vorsichtig und behutsam näherten sich die langen, schlanken Finger meinem Körper, umgriffen meinen Rumpf und entfachten mit der ersten zärtlichen Berührung ein Feuer in mir. John Paul Youngs „Love Is in the Air“ rauschte in meinen Ohren. Einen schöneren Moment zum Sterben konnte es nicht geben. Das dachte ich. 5 Minuten später dankte ich dem lieben Blumen- und Grünpflanzengott, dass er meine Wünsche und meinen Todesmut ignoriert hatte. Was danach kam und noch immer ist, dass ist zum sterben schön.
Ich habe nun mein eigenes kleines Reich. Ich nenne es die Insel. Mittlerweile habe ich begriffen, dass die kleinen braunen Punkte, Granulatkörnchen sind und das Beste für mein Wohlergehen darstellen. Ich liebe sie, all meine kleinen Granulatfreunde. Meine Mutter steht immer noch zwischen der alten, gut riechenden Kommode und dem Durchgang zum Balkon. Den Balkon vermisse ich nicht. Ich hab meine eigene Welt und Neuigkeiten. Da kommen immer mal Neue vorbei. Gestern war Clemens Meyer da und letzte Woche John Irving. Drollige Zeitgenossen. Die haben viel zu erzählen und machen mir und meinen Granulatfreunden das Leben schön. Nur manchmal, wenn es ganz schwarz ist und kein Lichtschein sich verirrt, denke ich an Mutter und werde ein Granulatkörnchen voll traurig.
